{"id":283,"date":"2021-09-24T12:12:42","date_gmt":"2021-09-24T12:12:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.martin-rdz.de\/?p=283"},"modified":"2021-12-23T10:36:00","modified_gmt":"2021-12-23T10:36:00","slug":"schnee-und-eis-soweit-das-auge-reicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.martin-rdz.de\/index.php\/2021\/09\/24\/schnee-und-eis-soweit-das-auge-reicht\/","title":{"rendered":"Schnee und Eis soweit das Auge reicht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hier noch ein kleiner Bericht, den ich urspr\u00fcnglich f\u00fcr die Vereinszeitung des MV Hof geschrieben habe (Palaverkist, Ausgabe 172, April 2021).<\/strong><\/p>\n<p>Troms\u00f8, 27. Januar 2020. Das Thermometer zeigt -12\u00b0C und endlich geht es los. Zusammen mit rund 100 deutschen und internationalen Kollegen gehe ich abends an Bord des russischen Eisbrechers <em>Kapitan Dranitsyn <\/em>(12.900 BRZ, L\u00e4nge 129m, Leistung 16.2MW). Das Ziel ist die Versorgung des Forschungseisbrechers <em>Polarstern<\/em> (12.600 BRZ, L\u00e4nge 117m, Leistung 14.1MW), der f\u00fcr die MOSAiC Expedition an einer Eisscholle verankert durch die zentrale Arktis treibt. Dort werden wir unsere Kollegen abl\u00f6sen und unsererseits 2 Monate die Messungen aufrechterhalten \u2013 so zumindest der Plan. Doch zun\u00e4chst geht es \u00fcber die winterlich-st\u00fcrmische Barentssee nach Norden, an Franz-Josef-Land vorbei ins (nichtmehr so) ewige Eis. Die kommenden Monate wird uns eine unvergleichliche Landschaft nur aus Eisschollen, Schnee, Presseisr\u00fccken und vereinzelten Rinnen offenen Wassers begleiten. Noch ist davon allerdings nicht viel zu erkennen, es ist Polarnacht und die Scheinwerfer der <em>Dranitsyn<\/em> reichen nur wenige 100m \u00fcber den Bug hinaus. Die Temperatur f\u00e4llt unter -20\u00b0C. Zu dieser Jahreszeit ist das einj\u00e4hrige Meereis etwa 1.5m dick, dort wo es von Wind und Str\u00f6mungen zusammengepresst wird ein Mehrfaches. In aufbrechenden Rinnen bildet sich in wenigen Stunden eine d\u00fcnne Eisschicht. Trotz der Erfahrung der russischen Crew geht es nur langsam voran, wenn sich die Schollen zusammenschieben l\u00e4sst sich h\u00e4ufig nur durch mehrmaliges Rammen ein Weg bahnen. Trotz der herausfordernden Eisbedingungen erreichen wir am 28 Februar die <em>Polarstern<\/em> auf 88.46\u00b0N. Nie zuvor erreichte ein Schiff in Fahrt eine n\u00f6rdlichere Position (den Rekord f\u00fcr treibende Schiffe stellte die Polarstern 4 Tage zuvor bei 88.60\u00b0N auf). Innerhalb weniger Tage werden Proviant und Versorgungsg\u00fcter \u00fcbergeben, unsere Kollegen machen uns mit Details vertraut und machen sich mit der <em>Dranitsyn <\/em>auf den Heimweg. Die Temperatur f\u00e4llt auf -42\u00b0C, die k\u00e4ltesten Tage der gesamten Expedition.<\/p>\n<p>Doch wozu der ganze Aufwand? Was soll bei MOSAiC erforscht werden? Die Arktis erw\u00e4rmt sich st\u00e4rker und schneller als der Rest der Erde. Ver\u00e4ndert sich die Arktis, betrifft das auch unsere mittleren Breiten. Schw\u00e4cht sich zum Beispiel der Polarwirbel ab, wie zum Beispiel letzten Januar, h\u00e4ufen sich Extremwetterlagen in den mittleren Breiten. Besonders deutlich ist diese Erw\u00e4rmung im Winter. Bis heute wissen wir aber nicht genau wie Ozean, Meereis und Atmosph\u00e4re dann miteinander wechselwirken \u2013 es fehlen schlicht genaue Messungen. Keine \u00dcberraschung in einer Gegend, die im Winter quasi unerreichbar ist. In Anlehnung an Fridtjof Nansens <em>Fram<\/em> Expedition 1893-1896 driftet nun die <em>Polarstern<\/em> innerhalb eines Jahres mit der Transpolarstr\u00f6mung von Ostsibirien am Pol vorbei Richtung Gr\u00f6nland. Von Bord aus erfasst neueste Messtechnik Energie- und Stofftransport von der Stratosph\u00e4re bis zum Ozeanboden. Messstationen auf der Scholle erlauben einen detaillierten Blick. Ein Beispiel: Wie schnell w\u00e4chst das Eis an seiner Unterseite? Wie gut isoliert die Schneedecke auf dem Eis (und verhindert damit starkes Eiswachstum)? Verteilt sich gefallener Schnee gleichm\u00e4\u00dfig?<\/p>\n<p>Ich betreue das Lidar des Leibniz Instituts f\u00fcr Troposph\u00e4renforschung. \u00c4hnlich zu einem Radar wird ein Lichtpuls in die Atmosph\u00e4re geschickt und das zur\u00fcckgestreute Signal empfangen. Aus diesen Messungen lassen sich die H\u00f6he und Eigenschaften von Wolken und Aerosolpartikeln ableiten. \u00dcber den ganzen Winter konnten wir erstmalig beobachten wie Waldbrandrauch aus Sibirien in gro\u00dfer H\u00f6he bis zum Nordpol transportiert wurde. Zus\u00e4tzlich unterst\u00fctze ich Kollegen bei ihren Aufgaben auf der Scholle: Manuelle Eisdickenmessungen vornehmen, Messger\u00e4te freischaufeln, Stromkabel vor Rinnen und Presseisr\u00fccken in Sicherheit bringen, Ausschau nach Eisb\u00e4ren halten, \u2026<\/p>\n<p>Am 11. M\u00e4rz steigt die Sonne zum erstem Mal wieder \u00fcber den Horizont. Wir treiben schnell nach S\u00fcden und im Eis um uns herum ist viel Bewegung. In kurzen Abst\u00e4nden bilden sich Rinnen und Presseisr\u00fccken, st\u00e4ndig m\u00fcssen die Messstationen auf dem Eis angepasst werden. Aber auch an Land herrscht Aufruhr. Norwegen schlie\u00dft wegen der Covid-19 Pandemie seine Grenzen. Damit ist der urspr\u00fcngliche Plan, dass unsere Abl\u00f6sung im April per Flugzeug eintrifft hinf\u00e4llig. Auch eine Abl\u00f6sung per Schiff ist vorl\u00e4ufig nicht m\u00f6glich, Eisausdehnung und \u2013dicke haben ihr j\u00e4hrliches Maximum. Also abwarten, weiter Daten sammeln und nach S\u00fcden treiben. Zu Ostern wir es als Highlight gegrillt, inzwischen ist es 24h lang hell. Mitte April konkretisiert sich eine L\u00f6sung f\u00fcr unsere Abl\u00f6sung. In aufw\u00e4ndigen Planungen konnten die Logistikfachleute des Alfred-Wegener-Instituts zwei andere Forschungsschiffe, <em>Sonne <\/em>(8500 BRZ, 116m, 6.5MW) und <em>Maria S. Merian<\/em> (5500 BRZ, 94m, 3.8MW), f\u00fcr die n\u00e4chste Versorgung verpflichten. Einen Nachteil hat diese Option: Beide Schiffe sind keine Eisbrecher, die Polarstern wird die Scholle verlassen m\u00fcssen. Um die wissenschaftlichen Ger\u00e4te auf dem Eis nicht zu gef\u00e4hrden, ist noch einmal voller Einsatz gefragt. In kurzer Zeit wird das gesamte Camp abgebaut und verladen, nur einige autonome Sensoren bleiben zur\u00fcck. Mitte Mai macht sich die <em>Polarstern<\/em> auf den Weg nach Spitzbergen, wo die Versorgung und \u00dcbergabe stattfinden wird. Auch unser R\u00fcckweg gestaltet sich z\u00e4her als erwartet, wieder ist das Eis stark komprimiert und unser Vorankommen entsprechend langsam. Anfang Juni erreichen wir den Adventfjord, wo <em>Sonne<\/em> und <em>Maria S. Merian<\/em> schon auf uns warten. Auf Reede wird verproviantiert, gebunkert und an unsere Kollegen \u00fcbergeben. Danach macht sich die <em>Polarstern<\/em> f\u00fcr weitere 4 Monate auf den Weg ins Eis. F\u00fcr uns geht es nach Bremerhaven, wo wir nach 140 Tagen erstmals wieder festen Boden betreten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier noch ein kleiner Bericht, den ich urspr\u00fcnglich f\u00fcr die Vereinszeitung des MV Hof geschrieben habe (Palaverkist, Ausgabe 172, April 2021). Troms\u00f8, 27. Januar 2020. Das Thermometer zeigt -12\u00b0C und endlich geht es los. Zusammen mit rund 100 deutschen und internationalen Kollegen gehe ich abends an Bord des russischen Eisbrechers Kapitan Dranitsyn (12.900 BRZ, L\u00e4nge &hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[9],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.martin-rdz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/283"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.martin-rdz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.martin-rdz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.martin-rdz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.martin-rdz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=283"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.martin-rdz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/283\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":286,"href":"http:\/\/www.martin-rdz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/283\/revisions\/286"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.martin-rdz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=283"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.martin-rdz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=283"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.martin-rdz.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=283"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}